"Wie Erwin Stuntz den Sexfilm drehte", 1993

Kurzfilm mit Live-Erzähler

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16mm, Farbe, Länge: ca 10 bis 15 min.

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Darsteller: Marte Schwiers und Zoltan Spirandelli

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Bundeskurzfilmpreis (Filmband in Gold)

"Wie Erwin Stuntz den Sexfilm drehte" war von Anfang an als Stummfilm mit Live-Erzähler konzipiert, sozusagen als Fingerübung für die "Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege".

Was Sie hier sehen ist der Mitschnitt einer Aufführung im Abaton-Kino in Hamburg aus dem Jahr 1993. Die Aufzeichnung wurde von Werner Grassmann auf einer Hi-8 Kamera gemacht. Die technische Qualität ist nicht wirklich brillant, aber dafür kommt die Stimmung im Kino ganz gut rüber.

Die taz vom 1.5.1994:

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Sex auf der Schippe

 Zoltan Spirandellis neues Kurzfilmwerk: Ein komisch mißglückter Porno im Abaton

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Das Abaton-Kino hat einen neuen Filmhelden. Erwin Stuntz heißt der Mann und reißt das Publikum zu Lachsalven hin, weil er einst versucht hat, mit seiner Freundin Gerda einen Sexfilm im Grünen zu drehen - animiert von seiner nagelneuen 16-mm-Kamera mit Selbstauslöser. Zwar: der Porno scheitert dann am Dilettantismus seines (fiktiven) Machers Stuntz und geht diesem einstweilen nur in die Hosen. Sehen lassen kann sich das Kurzfilm-Produkt des (tatsächlichen) Regisseurs, männlichen Hauptdarstellers und Autors Zoltan Spirandelli trotzdem. Denn Wie Erwin Stuntz den Sexfilm drehte ist nicht nur ein großer Lacherfolg beim Publikum, sondern zweifellos auch eine kleine, feine Programmattraktion inmitten althergebrachter Kino- und Spielfilmformen.

Das kurze Kamera-Abenteuer wird nämlich „live“ präsentiert: Ein Erzähler (wieder Spirandelli) tritt bei jeder Vorstellung vor die Kino- Leinwand und liest synchron zum (stummen) Film die Geschichte vom vermurksten Porno vor. Ob dabei der Text den Film oder der Film den Text kommentiert, bleibt zumeist kunstvoll unentschieden. Derweil die Sache mit dem Selbstauslöser sich im Film zum Selbstgänger mausert und zusätzliche Highlights liefert.

Weniger Faxen als im Film macht Spirandelli im Gespräch. Dort gibt er sich sachlich: Den Medienwahn und die allgegenwärtige Sucht nach Sexualitäts-Ablichtungen habe er mit Erwin Stuntz auf die Schippe nehmen wollen, erklärt der Nachwuchsregisseur. „Sehr stolz“ auf den Film sei er jedoch vor allem, weil sein minimalistisches Konzept darin so gut aufgegangen sei: eine Wiese, zwei Personen, 30 Meter Tageslichtspule - so sei Erwin Stuntz „gigantisch billig“ geworden. Kurzfilme, damit sie wieder den Weg in die Kinos finden, hätten sowieso nur die eine Chance: eigene Formen zu entwickeln - so Spirandellis These. Solange sie dagegen von ihren Machern als „kurze Spielfilme“ oder gar als „Fingerübungen“ gehandhabt würden, sei ihr Schattendasein nicht verwunderungswürdig.

Erwin Stuntz jedenfalls tut sich mit dem Kino-Rampenlicht nicht schwer - und das hat er schon mit seinem Vorgänger gemeinsam. Denn Zoltan Spirandellis „interaktiver“ Minifilm Der Hahn ist tot (1988) hatte sich seinerzeit eine stattliche Fan-Gemeinde geschaffen, die sich mit heilloser Begeisterung von der Leinwand aus zum Kanonsingen vom „Toten Hahn“ dirigieren ließ.

Den Clou mit den Live-Elementen möchte Spirandelli in seinem weiteren Programm beibehalten, und auch das schräg inszenierte Zusammenspiel zwischen Text und Stummfilm. Nur: „Leben kann man von den Kurzfilmen nicht“, betont der 36jährige, der des öfteren auch Werbefilme dreht. Trotzdem. Seine zukünftigen Filme stellt er sich nicht unbedingt länger vor als bisher, nur künstlerisch noch ehrgeiziger - und teurer. Falls er dafür einen Sponsoren findet. 

DOROTHEA SCHÜLER